Die Familie Ghiassi, Vater, Mutter und vier Kinder, verließ vor fünf Jahren Afghanistan, der Vater, Abdul Ghiassi hatte dort für eine EU-Organisation gearbeitet, sein Leben war in Gefahr.
Sie landeten in Bulgarien, wo die Eltern keine Zukunft für ihre Kinder sahen. Unter Druck – man drohte die ganze Familie zurückzuschicken – ließen sie sich dort registrieren und erhielten Ausweise, was ihnen später zum Verhängnis werden sollte. 2023 kamen sie nach Deutschland und dann auf einigen Umwegen nach Unterföhring.
Sie waren eine unserer „Vorzeigefamilien“: beide Eltern absolvierten erfolgreich Deutschkurse, der Vater, der fließend Englisch spricht, hatte eine Anstellung in Aussicht, die Mutter lernte eifrig Deutsch. Khadija (17), die älteste Tochter stand zwei Wochen vor der Abschlussprüfung an der Mittelschule und hatte bereits eine Lehrstelle als Zahnarzthelferin gefunden, ihre jüngere Schwester (12) und die beiden Buben (8 und 10) kamen gut in der Schule zurecht – ein Musterbeispiel gelingender Integration. Die beiden Mädchen nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um ihr Deutsch zu verbessern.
Als ihnen eine Wohnung in Unterhaching angeboten wurde, zogen sie nochmal um. Gegen die Aufforderung zur Ausreise (2025) legten sie mit Hilfe eines Anwalts Einspruch ein. Die Mitarbeiterinnen des Helferkreises Unterhaching unternahmen alles Menschenmögliche, um diese Abschiebung zu verhindern. Der Einspruch wurde Ende Mai 2026 abgelehnt, da die Familie bereits in Bulgarien einen Asylantrag gestellt hatte (Dublin III). Der Richter versicherte ihnen, dass im Augenblick keine Abschiebung zu befürchten sei.
Kaum zwei Wochen später stand in den frühen Morgenstunden plötzlich die Polizei in ihrer Unterkunft. Unter den Augen der Beamten mussten sie ihre Habseligkeiten zusammenpacken, wurden zum Flughafen gefahren und in ein Flugzeug nach Bulgarien gesetzt, wo sie die erste Nacht unter freiem Himmel verbrachten.
Die Mitarbeiterinnen des Helferkreises Unterhaching mit Hilfe von Spenden wenigstens vorübergehend eine Wohnmöglichkeit organisieren. Sie bemühen sich nach wie vor, eine Rückführung der Familie zu ermöglichen, obwohl die Erfolgsaussichten äußerst gering sind.
Die Familie Ghiassi ist streng genommen keine „unserer“ Familien, aber wir haben sie fast zwei Jahre lang begleitet, Formulare ausgefüllt, Anträge gestellt, Sprachunterricht organisiert, Nachhilfe gegeben und vieles andere mehr. Deshalb trifft uns diese Abschiebung ganz persönlich. Khadija schreibt: Wir leben jetzt in einem Land, „wo wir niemanden kennen, die Sprache nicht sprechen und keine Zukunft haben“.
Das Vorgehen der Behörden ist legal – hier einige Überlegungen zu diesem Thema:
Ich weiß nicht, ob der Familie bewusst war, welche Folgen Ihre Registrierung in Bulgarien haben würde. Juristisch ist das wahrscheinlich auch nicht relevant.
Aber eine Familie mit vier Kindern – Eltern und Kinder haben erfolgreich große Anstrengungen unternommen, sich zu integrieren – in eines der ärmsten Länder Europas zurückzuschicken, scheint mir unmenschlich, Wäre hier nicht eine Frist von zwei oder drei Monaten angemessen?
In den letzten Jahren hat man Geflüchteten immer wieder versichert, dass niemand, der sich anstrengt, der Deutsch lernt, eine Schule besucht, eine Ausbildung macht oder eine Arbeit gefunden hat, abgeschoben wird. So auch nach der Gerichtsverhandlung im Fall Ghiassi.
Auch ökonomisch ist es eigentlich nicht zu vertreten, große Summen in Geflüchtete zu investieren und diese Investition mit einem Federstrich zu einer Fehlinvestition zu machen: Der Unterhalt der Familie (z.B. Wohnen, Essen, medizinische Betreuung, Ausbildung und vieles andere mehr) hat den Staat viel Geld gekostet und es war gerade soweit, dass sich diese Investitionen anfingen sich zu lohnen: Der Vater hatte eine Arbeit gefunden, die große Tochter eine Lehrstelle als Zahnarzthelferin – ein Berufsfeld, in dem zur Zeit dringend Nachwuchs gesucht wird.
Khadijas Verzweiflung, in einem Land zu wohnen, „wo wir niemanden kennen, die Sprache nicht sprechen und keine Zukunft haben“ ist nur allzu verständlich.